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«Aufwand und Ertrag stehen in keinem Verhältnis»: Warum St.Galler Detailhändler längere Ladenöffnungszeiten ablehnen

In einer Umfrage hat die grosse Mehrheit der Detailhändler im Kantonalen Gewerbeverband St.Gallen längere Ladenöffnungszeiten sowie einen Gesamtarbeitsvertrag für den Detailhandel abgelehnt. Das sorgt für Unverständnis.

Plötzlich ging es schnell. In der Februarsession winkte das St.Galler Kantonsparlament einen Vorstoss zur Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten durch. Dies, nachdem das Vorhaben zuvor dreimal an der Urne gescheitert war. Eine freudige Nachricht für das Gewerbe? Nicht unbedingt, wie sich jetzt zeigt.

An der Delegiertenversammlung der Gruppe Handel des Kantonalen Gewerbeverbandes (KGV) haben sich über 80 Prozent der Teilnehmer gegen liberalisierte Ladenöffnungszeiten ausgesprochen. Laut Geschäftsführer Felix Keller sind bei der Umfrage insgesamt 235 Antworten eingegangen. Über 190 Detaillisten lehnten liberalisierte Ladenöffnungszeiten ab.

Aktuell sind total 874 Firmen, die im Detailhandel im Kanton St.Gallen tätig sind, Mitglied der Gruppe Handel – «vom Kleiderladen zur Metzgerei bis zur Papeterie». Insgesamt zählt der KGV 8000 Mitglieder. 

Aufwand und Ertrag lohnen sich nicht 

Warum haben sich die im Detailhandel tätigen Gewerbler so deutlich gegen eine Liberalisierung der Öffnungszeiten ausgesprochen? Keller sagt:

«Aufwand und Ertrag lohnen sich für verschiedene Geschäfte nicht.»

Bleibe ein Laden länger offen, würden Mehraufwand und oft auch erhebliche Mehrkosten anfallen. Aufwand und Ertrag stünden in keinem Verhältnis. Dies sei vor allem für Familienunternehmen einschneidend. «Wenn zum Beispiel ein Ehepartner eine Stunde länger im Laden bleiben muss, kein Geld in die Kasse kommt, während die Familie daheim bleibt, kann das belastend sein.»

Flexiblere Öffnungszeiten als Wettbewerbsfaktor

Hintergrund der aktuellen Umfrage ist eine Motion von FDP und SVP, welche das St.Galler Kantonsparlament in der Februarsession dieses Jahres mit 69 zu 42 Stimmen gutgeheissen hat.

Bei Sascha Schmid, Vizepräsident der SVP-Fraktion im St.Galler Kantonsparlament, stösst die deutliche Ablehnung von längeren Ladenöffnungszeiten auf wenig Verständnis. Das Einkaufsverhalten der Konsumenten sowie eine Studie der Universität St.Gallen aus dem Jahr 2015 liessen klar darauf schliessen, dass flexiblere Öffnungszeiten erwünscht seien. Schmid sagt: 

«Gerade mit dem anhaltenden Erfolgszug des Online-Handels und neuen Ladenkonzepten werden flexiblere Ladenöffnungszeiten wohl ein noch wichtigerer Wettbewerbsfaktor für stationäre Kleingeschäfte werden.» 

Die Konkurrenz in den angrenzenden Ländern und Kantonen schlafe nicht und profitiere bereits heute von längeren Öffnungszeiten. 

Gesetzesentwurf soll Ende Jahr vorliegen

Nachdem das Parlament die Motion im Februar durchgewunken hat, ist das Volkswirtschaftsdepartement zurzeit dabei, einen Projektauftrag zuhanden der Regierung vorzubereiten, sagt Karin Jung, Leiterin des kantonalen Amtes für Wirtschaft und Arbeit. Mit einer Gesetzesvorlage der Regierung sei gegen Ende 2021 zu rechnen.

Vor der erneuten Debatte im Rat oder gar einer vierten Volksabstimmung wollte der Gewerbeverband die Meinung seiner Mitglieder einholen, wie Felix Keller sagt. «Im Hinblick auf eine mögliche Diskussion und einen möglichen Abstimmungskampf – wenn der Entwurf im Kantonsparlament debattiert wird und von der Gewerkschaftsseite ein allfälliges Referendum ergriffen werden sollte – wollten wir von unseren im Detailhandel tätigen Mitgliedern wissen, wie sie zu liberalisierten Ladenöffnungszeiten und einem GAV stehen.» 

Gewerbler wollen keinen Gesamtarbeitsvertrag für den Detailhandel 

Das zweite Abstimmungsthema an der Delegiertenversammlung war denn auch ein möglicher Gesamtarbeitsvertrag für die Branche. Dies wurde ebenso deutlich abgelehnt: Wiederum über 80 Prozent der Umfrageteilnehmenden sprachen sich gegen einen Gesamtarbeitsvertrag aus. Warum? Keller sagt: 

«Unsere Mitglieder wollen keinen Gesamtarbeitsvertrag für den Detailhandel, weil ihnen sonst die unternehmerische Freiheit fehlt und vieles diktiert wird.»

Bei einem GAV drehe sich die Diskussion um Mindestlöhne und jährliche Lohnerhöhungen. Die Unternehmer sollten die Löhne aber selbstständig und mit Augenmass festlegen können, sagt Keller. Es soll die freie Entscheidung jedes Unternehmens im Detailhandel bleiben, ob sie sich einem GAV anschliessen möchten oder nicht, fügt SVP-Kantonsrat Schmid an.

Längere Ladenöffnungszeiten belasten Personal

SP-Nationalrätin Barbara Gysi ist erleichtert und enttäuscht zugleich. Der Gewerkschaftsbund sei froh, dass der Detailhandel die Einschätzung teile, dass das Bedürfnis bei den Konsumentinnen und Konsumenten für längere Ladenöffnungszeiten nicht bestehe und dass diese sich nicht rechneten. Gysi ergänzt:

«Für das Verkaufspersonal sind längere Ladenöffnungszeiten nicht tragbar.»

Man bedauere es allerdings sehr, dass sich die Branche nicht gemeinsam auf gute und faire Arbeitsbedingungen und GAV-Verhandlungen einigen wolle. Gysi sagt: «Ein Gesamtarbeitsvertrag bringt gleich lange Spiesse für die Branche und für die Arbeitnehmenden mehr Sicherheit.» Eine aktive Sozialpartnerschaft bringe Vorteile. Die Gewerkschaften würden denn auch weiterhin für gute Löhne und faire Arbeitsbedingungen kämpfen.

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